"ICH FREUE MICH, WENN ANDERE MENSCHEN SICH GUT FÜHLEN, ICH MAG ES WIRKLICH"

ein Gespräch mit Larry Fink

 
 
 

Während seiner Backstage-Aufnahmen der Frühjahr/Sommer 2018 Kampagne in Berlin teilt der Fotograf seine Gedanken über Frauen, seine Leidenschaft für Musik und die Bedeutung von Kunst und Fotografie in der Welt, in der wir heute leben.

Larry, wenn Sie heutzutage Frauen fotografieren, wonach suchen Sie dann? Und wie hat sich Ihre Wahrnehmung von Frauen im Laufe der Jahre verändert?

Wenn ich Frauen betrachte – und das tue ich im Laufe meiner Karriere als Fotograf oft –, dann habe ich immer das Gefühl, dass sie die tiefste unserer Spezies sind. Dass ihre Intuitivität, ihr Sinn für Harmonie und ihre Emotionalität in der Tat ausgeglichener sind als männliche Emotionen, die oft simpel und nüchtern sind. Ich habe diese Harmonie in der Welt immer in den Augen der Frauen gesehen, und das tue ich heute noch viel mehr. Noch vor 10 Jahren hätte ich mir jedoch die Körper von Frauen angesehen und wäre dabei ganz aufgeregt gewesen [lacht]. Ich hätte mich natürlich nie jemandem aufgedrängt, dazu war ich viel zu anständig und außerdem ein Gegner der Objektivierung von Frauen. Jetzt sehe ich nur noch die Körper, wie sie sind. Punkt.

Woher kommt Ihrer Meinung nach Ihre Faszination und Respekt vor Frauen?

Ich bin mit meiner Mutter aufgewachsen, die Feministin und linke Aktivistin war und meiner Schwester, die jetzt leider verstorben ist, aufgewachsen. Meine Schwester war eine unglaublich starke Frau. Sie war Anwältin für Gefangene und arbeitete an vielen Fällen, unter anderem im Zusammenhang mit dem Gefängnisaufstand von Attica im Jahr 1973. An diesem Fall arbeitete sie 28 Jahre lang ehrenamtlich. Meine ersten Beziehungen waren immer mit wirklich selbstbewussten Frauen, und meine drei Ehefrauen waren alle sehr stark! Auch wenn ich schon immer ein Romantiker war, habe ich bestimmt auch einige Menschen unabsichtlich verletzt, weil ich mich zu schnell und ohne entsprechende Grenzen verliebte.

Also würden Sie sich selbst als Feminist bezeichnen?

Auf jeden Fall, ja. Ich respektiere die Frauen so sehr, für mich sind sie die Seele der Welt.

Glauben Sie, dass die Leute diese besondere Seite von Ihnen wahrnehmen, wenn sie sich Ihre Bilder ansehen?

Das hoffe ich doch. Vor langer Zeit, als die zweite Welle des Feminismus in Amerika ihren Höhepunkt erreichte, wurde eines meiner Fotos von Feministinnen als diskriminierend verurteilt. Ich hielt einen Vortrag und eine Frau schrie plötzlich, dass ich Frauen ausbeuten würde. Sie sprach über eines meiner Bilder aus einer Serie, in der zwei Frauen zusammen in einem Innenhof spielten. Das war ein sehr seltsamer Moment in meinem Leben, weil auf dem Bild eindeutig zu erkennen war, dass die beiden Frauen in einer vergnüglichen Situation aufgenommen worden waren. Im Zuge dieser radikalen Feminismusbewegung wurden viele Menschen beschuldigt, und es tat mir weh, es tat mir sehr weh – insbesondere die Tatsache, dass die Leute etwas so falsch wahrnehmen konnten.
Ich versuche jedenfalls, alle menschlichen Facetten mit meiner Fotografie und meiner Arbeit zu erfassen, und Frauen bewundere ich einfach ganz besonders.

Persönlich erkenne ich in Ihren Bildern, dass Frauen sowohl eine sehr naive als auch eine sehr starke Seite haben. Besonders in The Vanities kommt diese Synergie meiner Meinung nach zum Ausdruck. Aber ich denke auch, dass diese Art von Stimmung heutzutage nicht mehr so leicht zu verstehen ist, besonders weil junge Mädchen oft eine Rolle spielen, anstatt sie selbst zu sein, besonders in der Mode.

Als ich jünger war, fühlte ich mich auf konventionelle Weise zur Schönheit hingezogen, aber oft fand ich viele der weiblichen Models ausdruckslos – sie objektivieren sich selbst, indem sie ihre Rolle als ein Schönheitssymbol für andere und insbesondere für Männer verstehen. Ich war davon fasziniert und verführt, und ich war sauer auf mich selbst, weil ich verführt wurde, und auf die Frauen, weil sie mich faszinierten. Also begann ich irgendwann damit, sie unaufhörlich zu fotografieren, um zu sehen, ob ich etwas Tieferes hinter der Fassade dieser objektivierten Schönheit finden konnte. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist oder nicht, aber ich habe es mit allen Mitteln versucht.
Hier am Set ist die Stimmung sehr gut: Ich habe gestern die Schauspielerin mit den üppigen roten Haaren fotografiert, sie ließ sich die Haare machen und ich sagte zu ihr: „Du magst es sicher, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen“, und sie sagte: „Nicht ich stehe im Mittelpunkt, es ist mein Haar.“ Und ich antwortete: „Du hast Recht, aber du bist wirklich sehr schön!“, und sie strahlte. Eine Sache, die man über mich wissen muss, ist, dass ich gerne flirte, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben! [lacht]

ICH HABE DIESE HARMONIE IN DER WELT IMMER IN DEN AUGEN DER FRAUEN GESEHEN, UNDE DAS TUE ICH HEUTE NOCH VIEL MEHR.
  Larry Fink

Natürlich tun Sie das! Was genau mögen Sie so gerne am Flirten?

Im Allgemeinen, wenn ich mit jemandem spreche oder flirte, bemerke ich an der Person etwas Positives. Flirten ist eine Form der Schmeichelei. Ich freue mich, wenn sich andere Menschen gut fühlen, ich mag es wirklich, Menschen Freude zu bereiten, indem ich ich selbst bin und durch meine Fotografie. Das ist nicht unbedingt ein herkömmliches Vergnügen, und oft, wenn ich die Seele von jemandem sehe, sie fotografiere und dieses Bild der Person zeige, mag sie es nicht , weil sie das Gefühl hat, dass es hinter die Fassade ihres herkömmlichen Selbst blickt.

Sie erkennt sich selbst irgendwie nicht wieder.

Richtig. Ich wollte beispielsweise meine Frau Martha zu meiner Muse machen, aber ich habe es nie geschafft. Sie ist eine wunderschöne Frau, aber sie mag es nicht, fotografiert zu werden. Sie sagt: „Ich will nicht eines dieser Larry-Fink-Subjekte sein!“ [lacht]
Sie ist liebevoll, aber auch selbstbewusst und entschieden!

Sie sind ein wundervolles Paar. Wie ist die Farm, auf der Sie beide leben, und was gefällt Ihnen daran

Ich wollte den Bauernhof schon immer zu einem Ort machen, an dem man viele verschiedene Besonderheiten und Features findet, so als ob man reich wäre, aber in einer eher unkonventionellen Gesamtästhetik. Obwohl wir noch nie eine Couch hatten, ist es vielleicht nach 50 Jahren an der Zeit, eine zu kaufen!

Was ist das Einzige, worauf Sie in Ihrem Haus nicht verzichten könnten? Abgesehen von Ihren Kameras, natürlich.

>Musik.

Haben Sie außer Ihrer Mundharmonika noch viele andere Instrumente?

Ja, ich habe Klaviere. Musik findet sich bei uns zu Hause überall. Klassische Musik ist sogar in der Scheune zu hören. Die Tiere können nicht mit der Technologie umgehen, um die Musik zu ändern, also müssen sie sich mit meinem Geschmack abfinden. [lacht]

ICH FREUE MICH, WENN ANDERE MENSCHEN SICH GUT FÜHLEN, ICH MAG ES WIRKLICH, MENSCHEN FREUDE ZU BEREITEN, INDEM ICH ICH SELBST BIN UND DURCH MEINE FOTOGRAFIE. DAS IST NICHT UNBEDINGT EIN KONVENTIONELLES VERGNÜGEN, UND OFT, WENN ICH DIE SEELE VON JEMANDEM SEHE, SIE FOTOGRAFIERE UND DIESES BILD DER PERSON ZEIGE, MAG SIE ES NICHT, WEIL SIE DAS GEFÜHL HAT, DASS ES HINTER DIE FASSADE IHRES HERKÖMMLICHEN SELBST BLICKT.
Larry Fink

Das ist fantastisch! Was ist Ihr Lieblingslied? Ich würde es zu gerne hören. Vielleicht ein Klassik- oder Jazz-Track?

Ich würde sagen, eine sehr spirituelle Melodie: „Lecons de Tenebres“ von Couperin. Es geht um die 12 Kreuzwegstationen und es ist jenseits von allem, was Sie je gehört haben.
Zum Thema Jazz muss ich sagen, dass ich es unglaublich finde, dass seit dem Tod von Steve Lacy niemand mehr seine Musik spielt. Er war ein unglaublicher Musiker, sehr einfach und doch erstaunlich avantgardistisch. Er hat mit allen gespielt und aufgenommen. Er war ein Dichter, ein Intellektueller und ein guter Freund von mir. Ich würde sagen, er ist einer meiner Lieblingsmusiker aller Zeiten.

Nun, das ist sehr traurig, dass niemand mehr seine Platten spielt. Warum glaubst Sie, ist das so?

Ich weiß es nicht.

Was halten Sie von der Bedeutung, die wir der Kunst beimessen und davon, wie sich diese mit der Zeit verändert? Wie könnte sich Ihrer Meinung nach die Wahrnehmung von Kunst, die in der Vergangenheit entstanden ist, in Zukunft verändern?

Das ist eine interessante Frage, eine sehr gute Frage. Alle Werte, mit denen ich und die Generation von Wim Wenders aufgewachsen sind, gaben uns eine Art von Hoffnung, die auf einer kollektiven Modalität beruht, die in Europa noch immer besteht, während sie in Amerika überhaupt nicht mehr existiert. Kunst basierte größtenteils auf den Widersprüchen zwischen Potenzial und Verzweiflung, die aufgrund der Hoffnung auf den Sieg des Guten ein Gefühl der Absurdität in Bezug auf den Menschen hervorriefen und zur Abmilderung in eine gemeinsame Schublade gesteckt wurden, sowie auf dem scheinbar Bösen, das aus den Systemen entstand und uns umzingelte. All dies war ein Kampf, ein Hin und Her. Aber es war auch eine tiefe Erfahrung – nicht unbedingt durch die Medien, wie bei unseren heutigen Handys. So wie Amerika heute einen Krieg mit Drohnen und nicht mit Männern verliert, so verändert sich das Konzept der Helden und Kameraden immens: Polizisten erschießen Menschen, bevor sie überhaupt wissen, was los ist, bloß weil sie Angst vor ihnen haben. Alle Werte des Verhältnisses zwischen Gut und Böse, Ironie und Hoffnung verändern sich, und das gilt auch für die Werte des Erfahrungswissens, dass auf Neugierde basiert und darauf, hinauszugehen, herumzuwandern, Dinge zu entdecken, auf der Neugierde auf Medienmaschinen, wo man die Dinge nur in Form von Programmen findet, sie aber nicht unbedingt aus der Erfahrung selbst stammen. Deshalb denke ich, dass sich die Dinge ziemlich radikal ändern, und manchmal bin ich verzweifelt, weil all die Dinge, für die ich gearbeitet habe, in meiner Arbeit und in meiner Lehre, in Bezug auf die Menschheit, die danach strebt, besser zu sein, die Phantasie für ein umfassendes Erfahrungserlebnis zu nutzen, vielleicht sogar das Böse zu besiegen (so absurd das auch klingen mag), wurden stark zurückgedrängt. Wenn man sieht, wie sich die Welt verändert, fast unwillkürlich in sich selbst zusammenbricht, fühlt man sich hoffnungslos. Jetzt ist es noch nicht ganz so schlimm, weil ich sehe, dass meine Arbeit stark ist, aber ich kann mir vorstellen, dass ich mich so fühlen werde. Ich wurde mit einem optimistischen Gen geboren, aber objektiv betrachtet kann ich mir nicht vorstellen, dass ich heute als Kind den gleichen Optimismus hätte. Meine Generation wurde mit der Idee geboren, dass es Potenzial für Güte und Schönheit gibt, aber das ist heute alles ganz anders. Ich glaube also nicht, dass ich diese Frage beantworten kann.

Vielleicht wird meine Generation diese Frage beantworten.

Das hoffe ich doch.

Als Optimist wird man vom Glück verfolgt, also ist es besser, eine positive Einstellung zu haben, unabhängig davon, ob die Dinge in Wirklichkeit versagen. Man muss darüberstehen.

Irgendwie schaffen wir immer wieder unsere eigenen Realitäten, denke ich, und erfüllen, was wir von uns selbst erwarten. Wie hat dieser Ansatz Ihre Arbeit beeinflusst und wie erhalten Sie diese positive Einstellung aufrecht?

Vor langer, langer Zeit erzählte mir ein Mädchen namens Jean Dixon – eine Hellseherin und Beraterin mehrerer Präsidenten – etwas sehr Eigenartiges. Ich wurde beauftragt, sie in Washington zu fotografieren, damals in den 60ern. Sie lebte in einem großen, edlen Sandsteinhaus, sie war elegant und ein sehr ausgefallenes Mädchen. Ich ging zu ihr nach Hause, um ein paar Fotos von ihr zu machen, und sie sagte zu mir: „Du bist eine Person, die jemandem sein letztes Hemd geben würde, aber wenn er versucht, es zu nehmen, wirst du ihn töten!“ Ich werde natürlich niemanden töten, aber wenn man ein Fotograf ist, besonders ein junger, hat man mit vielen unaufrichtigen Leuten zu tun und muss sicherstellen, dass man sich nicht ausbeuten lässt. Gleichzeitig muss man Kompromisse eingehen, denn oft kann man einen Job nicht ablehnen, weil man seinen Lebensunterhalt bestreiten muss. Ich habe mein Leben damit verbracht, Kompromisse einzugehen, hatte aber immer die Vision, Bilder zu machen, die einen tieferen Sinn haben. Wenn ich einen Auftrag bekomme, sehe ich es so: Jemand gab mir das Privileg, irgendwohin zu gehen, wohin ich sonst nicht gegangen wäre. Aber ich bin neugierig, also ist das toll, und ich habe ein kleines Trinkgeld bekommen, das ist auch toll. Man macht neue Erfahrungen und tolle Bilder